Unscharfe Blicke
zur Ausstellung „Herzwolde“, Galerie Ahlers, Göttingen, 2009

Fotografien aus einem Familienalbum, die angehaltene Vergänglichkeit und die für die Ewigkeit festgehaltene Momente zeigen. Ihre scheinbare haptische Nähe ist eine innere Projektion der fragmentarischen Erinnerungen an eigenen anvertrauten, doch zuweilen unheimlichen Erlebnissen. Man befindet sich hier in einem fremden Traum und die Bilder scheinen Auszüge aus einem manchmal bizarren, skurrilen Film zu sein. Verblichene, im Laufe der Zeit unscharf gewordene Szenen aus der Vergangenheit, die an ihrer Intensität verloren haben, nicht aber an ihrem wesentlichen Ausdruck. Diese Bilder sind weder allegorisch noch realistisch. Sie rufen eher ein kollektives Gedächtnis an, da jeder Mensch solche Erinnerungsbilder mit sich trägt. Lächelnde Kinder, Vater und sein neues Auto. Bruchstückhafte, tief im Gedächtnis behaltene Erinnerungen an vergangene Augenblicke.

In den unscharfen, fast poetischen aber nie sentimentalen Bildern von Sigrid von Lintig sucht der Betrachter, genau wie in ihren früheren Stillleben von Alltagsgegenständen, vergeblich nach Schärfe und Klarheit. Das Spiel in Scharf-Unscharf scheint für die Künstlerin der wesentliche Teil ihrer Kunst zu sein. Diese Diskrepanz sieht man vor allem am Beispiel ihrer anderen früheren Arbeiten von den Industriebauten, Silos, Wach- und Leuchttürmen. Diese wirken dagegen kühl und klar, menschenleere, abstrahierte Darstellungen, wo Ordnung und Schärfe herrschen.

Eben die bekannten Motive ermöglichen dem Betrachter einen scheinbaren, leichten Zugang. Dann findet sich aber ein Bruch, welcher die Szenen fremd und unwirklich wirken lässt. Die malerischen Mittel, Farbe und Licht, sind die eigentlichen Akteure: Medien der Immaterialisierung der Dinge. Die Vielfalt der Palette balanciert zwischen monochromen gedämpften Tönen und tiefen schreienden Farben. Die Unschärfe des Blickes lässt fragen, wo eigentlich die Grenze der Realität liegen kann. Die vernebelten Farben immaterialisieren nicht nur die malerische Essenz der Bilder, ihre Unschärfe löst auch den individuellen Charakter der Darstellungen auf. Was bleibt, ist eben ein unscharfer Augenblick, wo ein zeitloser Stillstand herrscht.

Sigrid von Lintig bewegt sich hier in einem hermetischen, vertrauten, aber nicht immer freundlichen Raum. Sie ist Betrachterin der Fotos, die von ihr selbst oder vielleicht auch von anderen aufgenommen wurden. Ihr Skizzenbuch sind eben die Fotos, deren Materie auf der Leinwand von der Künstlerin aufgelöst wird.

Das Objekt wird erst fotografiert, um dann im Bild von Sigrid von Lintig immaterialisiert zu werden - dadurch verändert sich beinahe der chemische Aggregatzustand seines Stoffes. Fotografie, die ursprünglich als Antithese zur Malerei galt, ist hier mit ihr fast identisch. Die unscharfen Blicke zeigen uns nur die Essenz der Darstellung. Die eingefrorenen Momente des (fotografischen) Blickes bleiben nebelhaft und anonym.

Herzwolde, ein mystischer Ort aus der Vergangenheit. Tief im Gedächtnis behaltene Szenen, die im Laufe der Zeit unscharf geworden sind. Unscharf, aber deutlich.

Von Agnieszka Golebiewska