Tatorte
zur Ausstellung „TATORTE“ , Suermondt-Ludwig-Museum, Aachen 2006

Tatorte  sind Orte der Tat, einer Handlung , eines Geschehens. Sigrid von Lintigs Tatorte sind dokumentierter Stillstand – ein ideeller, nicht realer Zustand.
Ein Zustand, den es nicht gibt, den man sich wünschen kann oder nicht. Stillstand.
Angehaltene Zeit. Stilles Leben.
Sie dokumentieren banale Geschehnisse: ein blinkender Apfel, eine Tasse, Früchte im Glas,…   Esstischgeschehen in präziser, unscharfer Darstellung, eine Momentaufnahme voller Ruhe, assoziativer Möglichkeiten und Rekonstruktionsvarianten.
Es ist keine „nature morte“ – es ist Leben in der Stille: wir drücken die Reset-Taste, doch es kann nicht nichts geschehen.

1996 begann Sigrid von Lintig ihr Turmprojekt: Archaische Industrierelikte, industrielle Nutzbauten in zunehmend nüchterner Darstellung. Das Projekt endete in der Zergliederung des Gesamtsujets mittels einer immer stärker werdenden Konkretisierung des Details.Der Architektur des Gigantischen, des Nutzens und der Mehrung erfolgte die Besinnung auf die Monumentalität des Minimalen. Der Blick auf den Frühstückstisch eröffnet eine Welt des Kleinwertigen, Profanen: Die Skyline, die Milchkännchen, Müslischale und Eierbecher bilden, weichen in ihren prinzipiell funktionalen und geordneten Wesen in keiner Weise von einer industriellen oder Großstadt-Silhouette ab – wenn man sie ästhetisch betrachtet.

Die „industrielle Landschaft der Hausfrau“ (ohne Nutzen, ohne Mehrung) gewinnt ästhetischen Belang durch den Verlust der ursprünglichen Funktion. Der Prozess des Malens, der Blick der Künstlerin bedingt diese Abwendung und lenkt den Blick des Betrachters auf die Monumentalität der Kleinarchitektur, genauer: der Profanarchitektur des „Klein-Küchen-Sujets“.
In der Entwicklung des Werkes erscheinen die ersten Bildszenarien präzise, kühl und sachlich. In der zweiten Phase findet ein „Farbwechsel“ statt: Die Kühle weicht einem samtigen, dunkelfarbigeren und kontrastierterem Aufbau.
Die letzten Arbeiten zeigen eine „Zergliederung des Gesamtsujets durch eine immer stärker werdende Konkretisierung des Details“.
Der Gegenstand selbst tritt zurück, Farbigkeit, Materialität und Stofflichkeit gewinnen zunehmend an Bedeutung – der Sinn der Malerei.

 Werner Hofmann