Schwimmen  -  Malen – Schwimmen

Zu den neuen Bildern der Sigrid von Lintig

zur Ausstellung „SCHWIMMER“,
Galerie Freitag 18.30
, 2012

Ein altes Handwerk ist die Malerei, das zu lehren sogar Akademien gegründet wurden. Dagegen überwiegt zum Schwimmen die Meinung, es genüge, ein Kind in das Wasser zu werfen, es werde sich zu helfen wissen wie die meisten anderen Tiere. Aber wen interessiert, was in einem Menschen geschieht, der mit einem weichen Pinsel  Öltropfen auf einer ebene Fläche verteilt, dessen Augen und Hand in Farben schwerelos „schwimmen“, den muss der Schwimmer faszinieren, der unter Wasser 9/10 seines Körpergewichts, seinen vertikalen Halt und seine Kopfkontrolle verliert, der Stress, Angst, Verspannungen der Muskeln erleidet, ehe sein Innenohr ein neues Gleichgewicht herstellt; der sich dann im Wasserraum orientieren, gegen den hydrostatischen Druck ausatmen, sich der sanften Massage durch die Strömungen überlassen wird.  Adrenalin wird sein Blut überschwemmen, er wird Glück empfinden. So der Maler.

Er weiß, dass er sinkt, aber er muss sich empor bewegen  – in allen Techniken und Stilen des Schwimmens. Insgeheim wünscht er, auf dem Wasser zu gehen – wie die Jesus-Christus-Echse.  

Hinunter dagegen zieht es nicht nur die Perlentaucher, sondern alle jene Wasserjungfrauen,  Quellnymphen und Nereiden, Amphitrite und Undine, die liebende Männer in die Tiefe locken.

(Undine hat einer Erkrankung des zentralen Nervensystems den Namen gegeben, in  der die autonome Atmungskontrolle aussetzt.)

Der Mensch kann im Wasser nicht leben, er ertrinkt; wer sterben will, ertränkt sich. Ihn erwartet in der Unterwasserwelt ein Paradies, das in den Märchen beschrieben wird. Der Maler, der an seinem Meisterwerk  scheitert, wird es verbrennen und sein Atelier auf immer verlassen (Honoré de Balsac, Das Unbekannte Meisterwerk).

Die Malerin Sigrid von Lintig schwimmt, täglich besucht sie seit einigen Monaten ein Hallenbad in Aachen, so wie sie seit römischen Zeiten existieren, und die dort auch schwimmen, sind Freunde geworden. Ein Kreis von Mädchen taucht nach ihren Wünschen, und Hunderte von Fotos sind entstanden.

(Dem Kunsthistoriker fällt das Gemälde „Türkisches Bad“ von Dominique Ingres ein, eine schwüle Männerfantasie über dicht gedrängte weiche nackte Frauenleiber in einer  feuchtwarmen orientalischen Halle. Szenen in Freibädern, Seen und an Meeresstränden sind häufiger gemalt worden. Der Psychologe fragt: Warum badet sie so geplant regelmäßig? und wird nach Verletzungen in ihrem Leben suchen, von denen sie sich reinigt.)

Sigrid von Lintig  malt wie sie schwimmt, oder besser: sie denkt  Malen, wie sie schwimmt. Mondrian, so stelle ich mir vor, denkt Malen festländisch, er komponiert ein Bild mit Streichhölzern auf einer Tischplatte. Es „ozeanisch“ zu denken heißt, es mit Haaren zu komponieren. Mondrian bewältigt einen Widerspruch: er bewegt flüssiges Öl mit einem weichen Haarpinsel, um feste, hart begrenzte eckige Formen zu umreissen. Unzählige Maler handeln  bis heute wie er. Mondrian nutzt eine zweidimensionale Geometrie, er hat sich nicht von Euklid und Pythagoras, aber von den Regeln der Zentralperspektive befreit. Dagegen erlaubt „ozeanisches“ Denken, mit weichen Pinselhaaren wässrige Dispersionen von Acryl, die reine Farbpigmente tragen, auf einer Leinwand auszubreiten, als malte man Wasser. Das ist, was Sigrid von Lintig malt: einen Wasserraum jenseits der Zentralperspektive und  ohne Horizont, Menschen im und unter Wasser.

Es entsteht aber keine Mimesis wie bei jener Bildtafel eines Kirschbaums, die Zeuxis dem Apelles in einem Garten zeigte, gegen die sich die Spatzen warfen, um die Früchte zu pflücken. Die Bilder nähren keine Illusion, weil sie aus jeder Entfernung anders wahrgenommen werden. Aus nächster Nähe zeigen sie nur noch Strudel und  Wellen, Energien, die wie elektrische Ströme über die Leinwände huschen.

Die Bewegungen des Wassers, seine unfassbare Gegenständlichkeit, seine Lichtreflexe, ihre Brechungen im Widerstand menschlicher Körper haben zahlreiche Fotrografen ebenso fasziniert wie Sigrid von Lintig. Sie haben alle technischen Erfindungen  von Bokeh-Linsen, dem „Gaussian Blur“ bis hin zu 3D-Effekten und der Holografie genutzt, um seine Ausdrucksvielfalt zu nutzen. Aber sie haben nicht verhindern können, dass die glatten Oberflächen von Fotopapier, Cibachrome-,Ilfochrome-Kopien oder Bildschirmen den Blick des Betrachters so filtern, als schaute er durch eine Fensterscheibe. So geben auch die Abbildungen auf Sigrid von Lintigs Webseite nur einen oberflächlichen Eindruck ihrer Bilder.

Man ist versucht, ihr Werk dem „Fotorealismus“ oder „Hyperrealismus“ zuzuordnen, einer Bewegung gegenständlicher Malerei, die vor 50 Jahren entstand, als Maler in Europa und den Vereinigten Staaten sich mit den jungen Technologien der Bildauflösung, -komprimierung, -übertragung im Fernsehen und im World Wide Web auseinandersetzten. Es erschien ihnen einfach, die fotografische Schärfe der Bildwiedergabe in großen Bildformaten zu übertreffen (Chuck Close, Richard Estes) oder die „Poesie der Unschärfe“ durch Malweisen oder farbmaterielle Effekte zu erreichen ( Gerhard Richter, Franz Gertsch, Malcolm Morley, Richard Artschwager).  Wasser und Menschen im Wasser sind  nicht in den Mittelpunkt ihrer Interessen gerückt.

Einige ihrer Bilder provozieren gern die Illusion, Fotografien zu sein. Jean Olivier Hucleux hat sogar gewünscht, seine Friedhofsbilder in einem dunklen Raum wie große Diaprojektionen zu zeigen. Diese Illusion entsteht, wenn sich die Malerei verleuignet. Nichts ist den Bildern Sigrid von Lintigs ferner. Man möchte ihr die Behauptung in den Mund legen: „Flüssige Farbe auf Leinwand, sonst nichts.“ Einmal hat sie sich ein Zugeständnis an die Romantisierung des Motivs  erlaubt: das Mädchen im weißen Kleid, „ertrunken wie Ophelia, die Braut Hamlets“. Sonst ist nichts da als das Schwimmbecken mit seinen Kachelwänden und die schwimmenden Körper im Wasser. Die Illusionen sind so stark aufgelöst, dass in den Strudeln und Strömungen der Farben die Menschen sich bewegen oder bewegt werden, energisch ausgreifen oder leblos sinken, sich bäumen oder kauernd fallen,  zwischen Zuständen des Verschwindens und Erscheinens schweben, als wären die Bilder Alices Spiegel in eine andere Welt – eine „ozeanische“ Welt, in der die Sternzeichen der Fische, des Krebses und des Skorpions über die Kunst der Malerei herrschen.

Wolfgang Becker, Aachen, Januar 2012