Die Herrschaft der Großgeräte
zur Ausstellung „TÜRME“, Raum für Kunst, Aachen, 2001

Sigrid von Lintig ist Malerin und ihre Werke sind somit Pigment und Acryl auf Leinwand.
Die großen Format stammen vorrangig aus der Figure/Portrait-Reihe, die kleinen aus der Landschafts-Reihe des alten Lattungssystems. Man sieht direkt, ohne den Eintritt in das Bild erleichternde Repoussoirs, die Motive – gemalte Großgeräte, alles (ehemals) funktionsbestimmte Türme. Sie stehen unmittelbar vor uns und beanspruchen Raum, derjedoch nicht in ihrem Fundament begründet liegt. Ihr kraftvoller  Anspruch liegt allein imBilderraum auf den Leinwänden. Es sind Konstruktionen, die unsichtbar ortlos und imaginär in der Lattung der Keilrahmen gründen. Ihr architektonischer Raum ist Illusion.

Von Lintig ist mit der Umsetzung perspektivischer Wahrnehmung in oder auf zweidimensionalen Flächen vertraut. Ihre Problemstellung ist das Übertragen und Verändern von Raum und Fläche. Immer steht ein persönlicher Eindruck und ein Foto für den Ursprung der Bilder, die durch den Begriff „Isolierung“ charakterisierbar wären. Umrahmt vom blauen Luftraum und gestützt, gehalten von der unsichtbaren Lattung sind die wahren Dimensionender Türme wohl in einer Größe, einer Monumentalität zu suchen, die nie exakt benennbar ist. Obwohl die Fenster und Türen häufig konkrete Dimensionen nahe legen, bleibt der Eindruckdes Vagen und Spekulativen, was an ihrem Modellcharakter, an ihrem Abstraktionsgrad und den dezent vorgenommenen Manipulationen liegt. Alle gemalten Türme können sich alsogigantisch groß oder modellhaft klein im realen Raum entfalten, und bleiben dennoch auf ihre malerische Größe beschränkt. Ein Wechselspiel zwischen außerbildnerischer Realität imBild, dem imaginären Bild der Malerin – ein symbolische Wechselspiel zwischen architektonischer und menschlicher Größendimension.
Die Türme sind demnach lebensgroß im Sinne von anthropomorphen Körperdimensionen, denen wir, die Betrachter, im Augenblick unserer Gegenwart unseren Blick leihen, so dass wir es mit einem Gegenüber zu tun bekommen. Indem von Lintig Architektur sachlich und malerisch präzise, entgegen ihr häufig zugesprochenem Fotorealismus jedoch nicht getreu dem Vorbild inszeniert, anthropomorphe Züge einbaut und die Figure-Maße für ihre Leinwände wählt, hat sie menschliche Maßstäbe vor Augen.
Ähnlich den Fotografien von Bernd und Hilla Becher oder Thomas Demand wird Architektur, mithin Raum typologisch oder medial untersucht. Die Malerein von Lintigs betonen die subjaktive, pseudo-realistische Deutung, wobei doch spannend ist, wie bekannt, ja wie vertraut einem diese Turmformen sind. In der Veränderung der Flächen- und Winkelbeziehungen, der Aufstockung, Abstraktion in Fenstern, Gittern, funktionalen Details,der Modulation von Blöcken und Schatten zu archaischen, magischen Elementen bleibt bei aller Objekthaftigkeit die persönliche subjektive Interessenslage und Problemdefinition von Malerei bestimmend – ein wesentlicher Unterschied beispielsweise zur „Kühle der Fotografie“. Merkwürdige Verzerrungen tauchen auf, kubenartige Blöcke, die Pappkartons verwandtaufgetürmt oder wie verblendet eine Scheinarchitektur aufzeigen. Und doch ist der Scheinkeine Illusion, sondern eine eigene uns bislang verborgene und fremdartige Welt mit kolossalen Bewohnern. Keine „Türme der Welt“ wie bei den Bechers dokumentiert, sondern die „Welt der Türme“ wird sicht- und erfahrbar. Obwohl in ihnen die Überwindung der Schwerkraft das Prinzip des Bauens signifikantsichtbar wird, sind Türme keinesfalls ortlose Architektur. Die Vertikalbewegung ist die konstituierende Kraft der Architektur. Und immer symbolträchtig. Siegfried Gidion, der geistige Herrscher der Idee der Mechanisierung beschrieb es so: „Unsere Haltung zur Vertikalen gegenüber erfolgt automatisch und bleibt im Unterbewusstsein verankert. Aus der endlosen Zahl der Richtungen und Winkel löst sich eine einzige heraus, die zum Standardmaß wird, mit der alle anderen verglichen, und zu der alle in Beziehung gesetztwerden“. Sigrid von Lintig weiß und nutzt dies seit 1996. Und ihre neuen, kleineren Gemälde weisen aus der einzigen, herausgelösten Richtung auf eine neue, sachlich zurückgenommene und hierdurch präziser vermittelnde Ebene. Sie sind das Ergebnis eines langen Entwurfsprozesses, der die Form und Oberfläche als Haltung beschreiben lässt, die unser Leben in der Vertikalenbereichert, ohne es zu beherrschen.

Dr. Gregor Jansen